Ich trenne mich heute – von Erinnerungsstücken an meine Vergangenheit.

Nämlich von den Kalendern, die ich seit 1994 führe.

Sie begannen in meiner Schulzeit, begleiteten mich durch’s Studium und meine erste Karriere als Beamte. In sie hab ich kleine Erinnerunsstücke wie Fahr- und Kinokarten, Zeitungsfotos von Personen, die ich witzig oder inspirierend fand, eingeklebt. Zitate. Und meine Termine eingetragen. Und im Nachhinein sowas wie ein Stichpunkttagebuch zu fast jedem Tag geschrieben.

Sie dokumentieren schon ziemlich genau die Zeit meines Erwachsenwerdens und meine 20er und 30er.

Trotzdem …

Ich habe diese schwere Tasche voller Bücher aus der Vergangenheit durch mehrere Umzüge mitgeschleppt. Jetzt habe ich keinen Keller mehr, und nicht wirklich den Platz für die Kalender.

Sie sind schwer.


Ich muss ja schon die Kalender der letzten 10 Jahre für’s Finanzamt aufbewahren. Und die dazugehörigen finanziellen Unterlagen. Die hab ich übrigens alle unter meinem Bett in Kartons. Die nehmen genug Platz weg.


Manches macht mich sentimental oder gibt mir Stiche im Bauch

Manches fühlt sich wie Versagen an. Diese Dinge will ich gar nicht wieder so genau in Erinnerung rufen.

Meine Schmerzen, unter denen ich während meiner ganzen Beamtenzeit litt, so haarklein notiert.

Streits und Aussprachen mit Freundinnen – die ich heute doch nicht mehr in meinem Leben habe.

Pläne für meine rosige Zukunft, die so nicht eingetroffen sind.

Was mache ich also?

Ich schaue sie mir nochmal an, habe auch 2 Fotos und einen Einband und die Federn meines ersten Wellensittichs rausgetrennt, weil das unwiderbringliche Erinnerungsstücke sind. Und einige Reiseberichte. Die kommen in das eine dicke Fotoalbum, in dem ich pro Lebensjahr eine Doppelseite führe und eben genau solche Sachen wie alte Münzen (DDR-Geld), Ausweise, besondere Eintrittskarten etc. aufbewahre.

Und dann werfe ich die Kalender in eine Altpapiertonne.

Nicht in die bei uns im Hof, wo Nachbarn einfach den Deckel öffnen, die schönen bunten Bücher sehen und anfangen könnten, zu blättern und meine Erinnerungen zu lesen.

Sondern in einen der großen Container etwas weiter weg von Zuhause, die man nicht öffnen und in die man nicht hineingreifen kann. So sollten sie vor neugierigen Blicken sicher sein und können im Recycling wieder zu etwas Nützlichem verarbeitet werden.

Ich möchte neue Erinnerungen schaffen.

Ich möchte leicht im Jetzt leben und in meine Zukunft gehen.

Deshalb will ich nicht zu viel schweren Ballast aus der Vergangenheit mit mir herumschleppen. In den letzten Jahren hab ich nie darin geblättert.

Ich habe ja immer noch meine Erinnerungen im Kopf. Ein paar der Erinnerungsstücke in dem dicken Album und alle meine Fotos und Fotonegative.

Wie gehst du mit solchen sentimentalen Erinnerungsstücken um?


Edit – 1 Stunde später:

Ha, wisst ihr was?! Ich hab’s letztendlich doch nicht über mich gebracht. Sie waren schon in den 2 Taschen zum Wegwerfen, und dann …

Ich meine, diese Tagebücher sind aus meinen Teeniejahren, 20ern und 30ern.

Beim Schmökern hab ich zwar wirklich manches Mal einen Stich gespürt, weil eine Freundschaft nicht mehr in meinem Leben ist oder weil streckenweise mein Arbeitsleben schmerzhaft war.

Aber ich habe auch die Erinnerungen an meine erste Hamsterin Zilly wieder gefunden. Ich habe die Aufzeichnungen aus meinen ersten 14 Wochen vegan gefunden. Mit den Komplimenten, die mir andere für meine schlankere Figur gemacht hatten :)

Und die Reiseaufzeichnungen: 1996 mein erstes Mal London. Portugal. Schweden. Rumänien.

Hach, ist ja nicht schlimm. Ich hab einen guten Platz für sie gefunden.

Hier dürfen sie jetzt weiter leben. Sie sind vielleicht doch zu wertvoll, um sie in den Müll zu geben. So genau waren meine Erinnerungen in meinem Kopf nicht mehr.

 

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